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„Lehrer“, „Architekt“ & „Visionär“- Techno-Legenden verabschieden Juan Atkins

Die elektronische Musikszene trauert um Juan Atkins. Der Techno-Pionier ist im Alter von 64 Jahren verstorben, wie seine Bookingagentur Greensmith am 1. November bestätigte. Weggefährten aus Detroit und der internationalen Clubszene erinnern an seinen Einfluss – und an persönliche Begegnungen mit ihm. Carl Craig würdigt Atkins als „Begründer, Pionier und Visionär des Techno“. Sein Vermächtnis, [...]

Die elektronische Musikszene trauert um Juan Atkins. Der Techno-Pionier ist im Alter von 64 Jahren verstorben, wie seine Bookingagentur Greensmith am 1. November bestätigte. Weggefährten aus Detroit und der internationalen Clubszene erinnern an seinen Einfluss – und an persönliche Begegnungen mit ihm.

Carl Craig würdigt Atkins als „Begründer, Pionier und Visionär des Techno“. Sein Vermächtnis, seine Musik und sein Einfluss würden für immer weiterleben, schreibt er. Robert Hood erinnert an Atkins als Architekten weit über den Techno hinaus: „Du bist der Berry Gordy, der Quincy Jones, der Stevie Wonder, der George Clinton, der Duke Ellington – der vollumfängliche Architekt nicht nur der Technomusik, sondern auch der schwarzen Musik.“ Atkins’ Genie und künstlerische Vision hätten die Dance Music für immer verändert.

Saunderson erinnert an gemeinsame Anfänge

Kevin Saunderson nennt Atkins seinen Bruder und einen Visionär, der vielen – auch ihm selbst – Türen geöffnet habe. Besonders in Erinnerung geblieben sei ihm, wie Atkins ihm dabei half, seine erste Platte „Triangle of Love“ fertigzustellen: „Das bedeutete mir damals sehr viel und tut es bis heute.“ Gemeinsam hätten sie eine Reise erlebt, „die die Musik für immer verändert hat“. Saunderson sei Atkins für seine Freundschaft, Unterstützung und alles, was er der Szene gegeben habe, stets dankbar. Seine Gedanken seien bei der Familie und den Angehörigen. Derrick May meldete sich in einem Video-Statement zu Wort und wirkte sichtlich emotional.

Richie Hawtin teilte ein gemeinsames Foto mit Atkins und DJ Minx, das Anfang des Jahres beim Movement Detroit entstand. Er habe nicht geahnt, dass es das letzte gemeinsame Bild sein würde. „Juan hatte Techno schon erdacht, bevor es irgendjemand von uns tat. Ohne ihn würde unsere Musik nicht so klingen, wie sie es heute tut – wenn es sie überhaupt gäbe.“ Atkins habe den jungen Hawtin aus Windsor mit einem ermutigenden Lächeln auf dem Techno Blvd willkommen geheißen und ihm das Gefühl gegeben, in der noch jungen Szene dazuzugehören. „Dieser Moment hat mein Leben verändert. Danke.“ Sein tief empfundenes Beileid gelte der Familie und den Angehörigen.

 

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„Juan war der Lehrer“

Dave Clarke erinnert daran, wie ihn „Clear“ schon als Kind inspirierte. Atkins sei ein Visionär gewesen, der vom Breakdance bis zur Vorstellung, die Zukunft schon in der Gegenwart hören zu können, große Fußstapfen hinterlassen habe. „‚Jazz is the Teacher‘ – doch in Wahrheit war Juan der Lehrer“, so Clarke. Westbam fasst Atkins’ Vermächtnis in wenigen Worten zusammen: „Detroit lebt vom Traum eines einzigen Mannes. Juan Atkins 1962–2026. Danke für alles, Juan. Dein Traum lebt weiter.“

Väth würdigt Atkins’ Brücke zwischen Detroit und Berlin

Sven Väth erinnert an Atkins’ Arbeit mit Cybotron und Model 500 sowie an sein Label Metroplex, das den Grundstein für den Techno gelegt habe. Seine Vision habe Generationen inspiriert und eine musikalische Brücke zwischen Detroit und Berlin geschlagen, zu der auch der Tresor gehört habe. Väth schreibt, die Türen seines Frankfurter Omen Clubs seien den Pionieren aus Detroit und ihrem Sound stets offen gestanden. Atkins’ Verbindung aus futuristischen Klängen, Soul, Funk und elektronischen Maschinen habe ein neues musikalisches Universum eröffnet. „Lieber Juan, deine Musik, deine Vision und dein Geist werden weiterleben. Auf unseren Plattentellern, auf unseren Dancefloors und in unseren Herzen. Danke, dass du uns die Türen zur Zukunft geöffnet hast.“

In den Kommentarspalten zu all diesen Statements gesellten viele weitere Kollegen und würdigten Atkins als Mensch und Musik. Darunter Kraftwerk, Idriss D., Roger Sanchez, Dr. Motte, Nastia, Boys Noize, Honey Dijon, Tiga, Miss Kittin, Mauro Picotto und Armin van Burren. Die Liste ließe sich endlos lang weiterführen.

Manchmal ist es jedoch so, dass jemand Worte findet, die so treffend und schön geschrieben sind, dass es nicht angebracht wäre, diese in Stücken zu zitieren oder zu paraphrasieren. Jeff Mills würdigte Juan Atkins in einem Instagram-Feed über 20 Slides.

Hier das ungekürzte Statement von Jeff Mills:

Maestro Juan Atkins gehörte zu einer seltenen und ausgewählten Gruppe visionärer Musiker, die dabei halfen, eine Brücke ins 21. Jahrhundert zu bauen. Eine Brücke, die so viele von uns, mich eingeschlossen, nicht nur überqueren konnten, sondern auf der wir etwas weitaus Bedeutenderes mitnehmen konnten: eine Formel, eine Denkweise und das Verständnis dafür, dass Sound und Musik als wirkungsvolle Instrumente dienen können, um uns selbst in die Zukunft zu projizieren. Wir kennen uns seit Jahrzehnten. Vielleicht seit 45 Jahren oder sogar länger. Und während dieser ganzen Zeit habe ich beobachtet, dass er nie vollständig die Anerkennung oder Würdigung erhalten hat, die ihm für eine derart außergewöhnliche Leistung gebührt. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, wie jung Juan war, als er und Rick Davis Anfang der 1980er-Jahre begannen, diese bemerkenswerten Aufnahmen zu erschaffen.

Für diejenigen von uns, die später ihren Weg in die elektronische Dance Music in Detroit finden sollten, war allein das Wissen, dass diese beiden Menschen irgendwo auf der anderen Seite der Stadt solch außergewöhnliche Musik machten, eine unschätzbare Quelle der Inspiration. Es war vielleicht das stärkste Symbol für Möglichkeiten, das unsere Stadt uns hätte bieten können. Es war in jeder Hinsicht ein Geschenk. Unter den Gründungsfiguren der elektronischen Musik hebt sich Juans Beitrag aus einem weiteren wichtigen Grund ab: Er hörte niemals auf, kreativ zu sein. Er gab sich nie damit zufrieden, einfach nur zu wiederholen, was er bereits erreicht hatte. Er entwickelte sich weiter, experimentierte und blieb – vielleicht am wichtigsten – aktiv in der Kultur engagiert, die er selbst mitbegründet hatte. Er verstand ganz offensichtlich den Wert von Symbolik und davon, was von einer Generation zur nächsten weitergegeben, bewahrt und weitergetragen wird. Und ganz gleich, welche außergewöhnliche Intuition einst seine kreative Vorstellungskraft entfachte – diese Flamme brannte sein ganzes Leben lang hell weiter.

Eines meiner persönlichen Bedauern ist, dass ich nie auf ein wirklich umfassendes, tiefgehendes Interview mit Juan gestoßen bin und auch nie die Gelegenheit hatte, mich über einen längeren Zeitraum mit ihm zu unterhalten. Ein Gespräch, das über die bekannten historischen Darstellungen hinausgeht und tiefer in den außergewöhnlichen Geist hinter der Musik vordringt. Ich hätte gerne besser verstanden, wie er sich Dinge vorstellte, was er vor Augen hatte und wie er zu Ideen gelangte, die die Richtung der Musik so grundlegend veränderten. Wir alle respektierten ihn. Daran habe ich kaum Zweifel. Aber war unser Respekt ausreichend? War er vergleichbar mit der Ehrfurcht, die wir den großen Persönlichkeiten anderer künstlerischer Disziplinen regelmäßig entgegenbringen? Einem Picasso? Einem Miles Davis? Haben wir jemals wirklich die Bedeutung und Tragweite dessen anerkannt, was Juan angestoßen hat und was er uns alles gegeben hat? Haben wir das Ausmaß seines Beitrags vollständig verstanden? Und vielleicht ist die schwierigere Frage, ob wir als kreative Kultur überhaupt wissen, wie man eine Leistung dieser Art erkennt und würdigt.

Nachdem ich Juan kennengelernt und seine gesamte Karriere verfolgt habe, hatte ich immer das Gefühl, dass der Begriff „Schöpfer“ nicht ausreicht. Er wird weder der Bandbreite seiner Vorstellungskraft noch dem Ausmaß seines Einflusses oder dem außergewöhnlichen Spektrum seines kreativen Denkens gerecht. Selbst die vertraute Erzählung von den Belleville Three erschien mir manchmal zu bequem, zu stark vereinfacht. Sie unterscheidet nicht ausreichend zwischen Juans grundlegender Rolle und dem Ausmaß, in dem andere innerhalb dieser historischen Erzählung von dem lernten, was er bereits begonnen hatte. Meiner Ansicht nach war seine Position nicht einfach die eines Beteiligten unter mehreren. Sein Beitrag war fundamental. Ich würde außerdem argumentieren, dass Juan Atkins für etwas steht, das Techno in seiner heutigen Form noch nicht vollständig verwirklicht hat. Die Musik haben wir zweifellos. Doch wir haben noch nicht gänzlich jene sorgfältig erdachten, multidimensionalen Umgebungen und Welten entwickelt, die Künstler wie Cybotron und Kraftwerk bereits durch Sound, Bilder und Ideen andeuteten und erschufen. Ihre Arbeit drehte sich niemals einfach nur darum, Musik zu produzieren.

Es ging darum, eine andere Realität vorzuschlagen, eine andere Art, die Welt wahrzunehmen, und eine andere Art, in ihr zu existieren. Im Laufe der Jahre habe ich immer wieder erlebt, wie Juans Bedeutung und seine historische Position darauf reduziert wurden, als „einer von vielen“ beschrieben zu werden oder lediglich als Mitglied einer größeren Bewegung zu gelten. Doch die Wahrheit ist, dass er niemals einfach nur das war. Ich habe mich oft gefragt, ob diese Reduzierung eine größere Einschränkung unserer Kreativbranche widerspiegelt: die Schwierigkeit, eine Leistung angemessen zu definieren, wenn wir uns noch nicht die Zeit genommen haben, sie vollständig zu verstehen. Vielleicht haben wir uns in unserem Eifer, die Geschichte zu erklären, eingeredet, wir hätten sie längst verstanden, obwohl das tatsächlich noch gar nicht der Fall war. Juans musikalische Vision existierte bereits vor der Terminologie, die später verwendet werden sollte, um sie einzuordnen und zu erklären. Vor Detroit Techno als etablierter Identität. Vor House Music und Rave-Kultur als Bewegungen, die wir heute kennen. Vor dem Techno-Club als vertrauter Institution. Er stellte sich bereits eine Zukunft vor und erschuf sie, für die ein Großteil der Welt noch gar keine Sprache entwickelt hatte. Und dieser Unterschied ist von enormer Bedeutung. Es ist ein außerordentlich seltenes Privileg, im Laufe eines Lebens jemandem zu begegnen, ihn zu kennen und in seiner Gegenwart zu sein, der eine völlig neue musikalische Sprache miterschaffen hat.

Für mich war es immer eine tiefe Freude, Juan gekannt zu haben. Zu wissen, dass jemand, der zu solch außergewöhnlichen Vorstellungen fähig war, in vielerlei Hinsicht nur wenige Straßen entfernt war – sowohl physisch als auch gedanklich. Dass ein derart revolutionärer Geist aus derselben Stadt, derselben Umgebung und derselben Zeit hervorgehen konnte. Wenn ich über die gewaltige Bedeutung dessen nachdenke, was er hinterlässt, ist es beinahe unmöglich, das vollständig zu begreifen. Und dennoch glaube ich, dass es noch so viel mehr für uns zu entdecken gibt. So viel mehr zu verstehen darüber, was er erschaffen hat, was er verfolgte und vielleicht vor allem, was er dachte. Sein Vermächtnis lässt sich nicht vollständig anhand von Aufnahmen, Genres, Auszeichnungen oder historischen Beschreibungen bemessen. Es besteht in den unzähligen Möglichkeiten, die er anderen eröffnet hat, in den kreativen Freiheiten, die er vorstellbar machte, und in den Generationen von Künstler*innen, die ihren Weg fortsetzen konnten, weil er ihnen den Weg erhellte. Die Brücke, die er mitgebaut hat, steht noch immer. Und unzählige andere werden sie weiterhin überqueren – vielleicht, ohne jemals vollständig zu begreifen, wem sie es zu verdanken haben, dass ihre Reise überhaupt möglich wurde. Das allein ist bereits der Maßstab einer außergewöhnlichen menschlichen Leistung. Er wird uns sehr fehlen. Mein tiefstes und aufrichtigstes Beileid gilt der gesamten Familie Atkins.

Mit tiefem Respekt und großer Dankbarkeit,

Jeff Mills

 

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320 FM / EDITORIAL

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