NEWS & STORIES

„Wer konsumiert, muss wissen, was er nimmt“ – Das größte deutschsprachige Drogenforum wird 30

Vom umstrittenen Drug Checking zum größten deutschsprachigen Drogenforum: Der Schweizer Verein eve&rave hat die Schadensminderung in der Partykultur mitgeprägt. Zum 30. Geburtstag blickte er in Zürich auf seine Geschichte zurück – und zeigte, weshalb unabhängige Drogenaufklärung auch heute unverzichtbar ist. ZÜRICH. Als eve&rave Schweiz 1996 gegründet wurde, war Drug Checking noch Pionierarbeit. Menschen aus der [...…

Vom umstrittenen Drug Checking zum größten deutschsprachigen Drogenforum: Der Schweizer Verein eve&rave hat die Schadensminderung in der Partykultur mitgeprägt. Zum 30. Geburtstag blickte er in Zürich auf seine Geschichte zurück – und zeigte, weshalb unabhängige Drogenaufklärung auch heute unverzichtbar ist.

ZÜRICH. Als eve&rave Schweiz 1996 gegründet wurde, war Drug Checking noch Pionierarbeit. Menschen aus der Partyszene, der Sozialarbeit und den Medien wollten einen anderen Umgang mit psychoaktiven Substanzen ermöglichen: weniger moralische Verurteilung, mehr Wissen über Wirkstoffe und Risiken. Drei Jahrzehnte später ist aus dieser Initiative ein Verein mit einem umfangreichen Informationsangebot, einem großen Onlineforum und vielfältigen Aktivitäten in der Schadensminderung geworden.

Am Freitag, 23. Oktober 2026, feierte eve&rave Schweiz sein 30-jähriges Bestehen in der Alten Kaserne in Zürich. Vorträge und Diskussionen, ein Einblick in das mobile Drug Checking und eine Benefizparty verbanden fachliche Auseinandersetzung mit elektronischer Musikkultur. Das Jubiläum bot zugleich Gelegenheit, auf die Entwicklung eines Vereins zurückzublicken, dessen Arbeit weit über die Technoszene hinaus Bedeutung erlangt hat.

Pionierarbeit, die 1996 begann

Am 16. Februar 1996 wurde eve&rave Schweiz in Solothurn gegründet. Noch im selben Jahr startete der Verein gemeinsam mit dem Pharmazeutischen Institut der Universität Bern einen Pilotversuch: Ecstasy-Pillen wurden im Labor analysiert und die Ergebnisse veröffentlicht. Im Jahr 1997 wurden bereits weit über 250 Proben zur Untersuchung an das Institut weitergeleitet.

1997 präsentierte eve&rave an einer Fachtagung in Zürich zwei Rechtsgutachten, die zum Schluss kamen, dass Drug Checking in der Schweiz nicht illegal sei. Rund zehn Jahre lang führte der Verein das Angebot weiter – zu einem großen Teil auf eigene Kosten. Die Grundidee war damals wie heute pragmatisch: Wer Substanzen konsumiert, sollte möglichst genau wissen können, was darin enthalten ist. Denn die Bezeichnung, unter der eine Substanz verkauft wird, garantiert weder ihre tatsächliche Zusammensetzung noch ihre Dosierung oder Reinheit.

Drug Checking verbindet die chemische Analyse einer Probe mit einem Beratungsgespräch. Dabei geht es nicht nur um Laborwerte, sondern auch um die individuellen Erfahrungen, Konsummuster und gesundheitlichen Risiken der Menschen, die eine Probe abgeben. Ziel ist ein risikobewusster und selbstverantwortlicher Umgang mit psychoaktiven Substanzen.

Dass dieser Ansatz heute in mehreren Schweizer Städten etabliert ist, gehört zu den Entwicklungen, auf die der Verein mit Stolz zurückblickt. In den Anfangsjahren war es vor allem das Engagement von Freiwilligen aus der Szene, das solche Angebote voranbrachte. „Drug Checking war vor 30 Jahren umstritten. Heute ist es ein anerkanntes Instrument der Schadensminderung“, sagt Sevan Roggensinger, Präsident von eve&rave Schweiz. Auch die Entwicklung von Awareness- und Unterstützungsangeboten an Partys und Festivals sei erfreulich.

Das Forum: Millionen Beiträge über psychoaktive Substanzen

Neben der Arbeit vor Ort setzte eve&rave früh auf das Internet. Bereits seit 1998 veröffentlicht der Verein Substanzwarnungen online. Das Forum entwickelte sich über die Jahre zu einer umfangreichen Plattform für Fragen, Erfahrungen und Informationen rund um psychoaktive Substanzen.

Laut der Pressemitteilung zum Jubiläum zählt das Forum rund 70.000 registrierte Nutzerinnen und Nutzer und mehr als 2,3 Millionen Beiträge. Damit gehört es zu den bedeutenden deutschsprachigen Anlaufstellen für den Austausch über psychoaktive Substanzen. Die Themen reichen von Ecstasy und LSD über Cannabis, Kokain und Amphetamine bis zu Opioiden, Benzodiazepinen, psychedelischen Substanzen und Dissoziativa. Es gibt Bereiche für Erfahrungsberichte, konkrete Fragen zu Pillen, Warnungen, gesundheitliche Probleme, Abhängigkeit, Entzug und Substitutionsbehandlung. Auch rechtliche Fragen und wissenschaftliche Diskussionen finden dort Platz.

Über viele Jahre ist so ein umfangreiches digitales Archiv entstanden, in dem sich Fragen und Erfahrungen aus unterschiedlichen Konsumkontexten wiederfinden. Menschen können dort Themen ansprechen, für die sie im persönlichen Umfeld möglicherweise keinen Raum finden. Gerade bei Fragen, die häufig mit Scham oder Stigmatisierung verbunden sind, kann ein solches Angebot eine wichtige Anlaufstelle sein.

Persönliche Erfahrungsberichte sind zwar nicht mit wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen gleichzusetzen. Was eine Person erlebt, lässt sich nicht automatisch auf andere übertragen; Angaben können zudem unvollständig oder fehlerhaft sein. Dennoch können solche Berichte auf neue Konsumtrends, ungewöhnliche Wirkungen und gesundheitliche Probleme aufmerksam machen, die bislang wenig erforscht sind. Genau darin liegt auch das wissenschaftliche Potenzial des Forums.

Wenn Erfahrungswissen zur Forschungsgrundlage wird

Ein Forschungsprojekt der Ärztin Anna Prothmann und dem Peer – Mitarbeiter Uli Mühlan der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK) nutzt von eve&rave.ch bereitgestellte Forenbeiträge, um Erfahrungen mit hochpotenten synthetischen Opioiden, insbesondere Nitazenen, statistisch auszuwerten. Ziel ist es, die bislang begrenzte wissenschaftliche Datenlage zu diesen Substanzen zu erweitern und die Ergebnisse zu publizieren.

Das Projekt zeigt, wie Erfahrungen aus der Konsumpraxis neue Forschungsfragen anstoßen können. Forenbeiträge sind zwar nicht repräsentativ und ersetzen keine klinischen Studien, können aber wertvolle Hinweise auf bislang wenig untersuchte Phänomene liefern.

Warum Drug Checking weiterhin gebraucht wird

Wie aktuell die Arbeit des Vereins bleibt, zeigen die Warnungen zu gefährlichen oder falsch deklarierten Substanzen. In ihrer Pressemitteilung vom 22. Oktober 2026 warnte eve&rave vor dem erneuten Auftreten von PMMA in Ecstasy-Pillen in der Schweiz. PMMA kann bereits in geringen Mengen lebensgefährlich sein. Problematisch ist insbesondere der verzögerte Wirkungseintritt: Wer die erwartete Wirkung zunächst nicht spürt und deshalb eine weitere Pille einnimmt, erhöht das Risiko einer schweren Vergiftung. Möglich sind unter anderem Überhitzung und ein lebensbedrohliches Serotoninsyndrom.

Die Mitteilung verweist zudem auf falsch deklarierte synthetische Cathinone. Laut saferparty.ch enthielten 2025 rund neun von zehn Proben, die als 3-MMC gekauft worden waren, tatsächlich kein 3-MMC.

Solche Beispiele machen deutlich, weshalb die Analyse von Substanzen wichtig bleibt. Äußeres Erscheinungsbild, Farbe, Logo oder Verkaufsbezeichnung reichen nicht aus, um den Inhalt einer Pille zuverlässig zu bestimmen. Auch Schnelltests können bestimmte Stoffe übersehen. Eine geeignete Laboranalyse kann dagegen Inhaltsstoffe identifizieren und – je nach Verfahren – deren Konzentration bestimmen. „Wer konsumiert, muss wissen, was er nimmt“, sagt Roggensinger. Über das Forum und Informationsstände erreiche der Verein auch Menschen, die niemals eine Fachstelle aufsuchen würden.

Genau darin liegt eine zentrale Stärke niedrigschwelliger Schadensminderung: Informationen werden nicht nur dort angeboten, wo Menschen bereits Beratung suchen, sondern auch in den Lebenswelten, in denen Konsum tatsächlich stattfindet. Schadensminderung bedeutet dabei weder, Risiken zu verharmlosen, noch Konsum zu empfehlen. Sie setzt bei der Lebensrealität der Menschen an und zielt darauf, gesundheitliche Schäden zu verhindern oder zu reduzieren – unabhängig davon, ob jemand abstinent lebt, den eigenen Konsum verändert oder weiterhin Substanzen konsumiert.

Von der Chill-out-Zone zur Psycare

Das Engagement von eve&rave beschränkte sich von Anfang an nicht auf die Analyse von Substanzen. Bereits in den 1990er-Jahren betreute der Verein an Partys Chill-out-Bereiche für Menschen, denen es körperlich oder psychisch nicht gut ging. Was heute häufig unter Begriffen wie Psycare und Awareness bekannt ist, hat dort wichtige Wurzeln.

Menschen, die nach dem Konsum psychoaktiver Substanzen Angst, Überforderung oder andere belastende Zustände erleben, benötigen mitunter einen ruhigen Ort, eine verständnisvolle Ansprechperson und Unterstützung, die nicht sofort mit Verurteilung oder Ausschluss verbunden ist. Psycare kann dabei eine Ergänzung zu Sanitätsdiensten und Sicherheitskonzepten sein. Es geht um aufmerksame Begleitung, die Einschätzung von Situationen und darum, bei Bedarf rechtzeitig medizinische Hilfe hinzuzuziehen.

Heute bietet eve&rave Informationsstände und Psycare an Partys und Festivals sowie Workshops und Schulungen an. Auch das 2024 veröffentlichte Substanzhandbuch, das kostenlos auf der Website runtergeladen werden kann gehört zu diesem Ansatz. Es bündelt Informationen zu psychoaktiven Substanzen und zur Schadensminderung und richtet sich an Menschen aus der Konsumpraxis ebenso wie an Helfende und Fachpersonen.

Ein Jubiläum zwischen Rauschkultur und Wissenschaft

Das Programm zum 30. Geburtstag spiegelte die verschiedenen Themenfelder des Vereins wider. Die Vorträge stießen auf großes Interesse: Das Publikum lauschte aufmerksam, und nach den einzelnen Beiträgen entwickelten sich angeregte Diskussionen. Immer wieder wurde die Zeit knapp, weil Fragen, unterschiedliche Perspektiven und neue Gedanken den Austausch lebendig hielten.

Den Auftakt machte der Vortrag „Gesellschaft im Rausch“ von Michael Herzig, dem ehemaligen Drogenbeauftragten der Stadt Zürich. Anschließend sprach das Gründungsmitglied Hans Cousto mit Tom Saborowski von der Universität Utrecht über die Anfänge von eve&rave und die Entwicklung des Drug Checking in der Schweiz.

Ein weiterer Programmpunkt widmete sich der psychedelika-assistierten Therapie in Gruppen. Dr. med. Peter Gasser, ehemaliger Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychedelika-assistierte Therapie, beleuchtete Chancen und Herausforderungen dieses Ansatzes. Zum Abschluss des fachlichen Programms gab es einen Einblick in das mobile Drug Checking von saferparty.ch und dem Pharmazeutischen Dienst Bern.

Doch nicht nur im Veranstaltungsraum wurde diskutiert. Zwischen den Vorträgen verlagerte sich der fachliche Austausch in den Hof der Alten Kaserne, wo das „Fachpublikum der Psychonauten“ die Gespräche mit großer Neugier und Begeisterung fortsetzte. Die entspannte, positive Atmosphäre bot Raum für Begegnungen und neue Perspektiven. Hier trafen wissenschaftliche Neugier, persönliche Erfahrungen und die Kultur der psychedelischen Szene unmittelbar aufeinander.

Ab 23 Uhr ging das Jubiläum in eine Benefizparty über. Musikalisch wurde erstklassige elektronische Musik geboten, insbesondere Psytrance auf höchstem Niveau. Die Musik knüpfte an jene Szene an, aus deren Umfeld eve&rave vor drei Jahrzehnten hervorgegangen war, und sorgte für eine mitreißende Stimmung.

Ergänzt wurde das Angebot durch einen Informationsstand, Psycare und einen Büchertisch des Nachtschatten Verlags. Das Drug Checking vor Ort war kostenlos und anonym.

Die Feier machte deutlich, dass Drogenaufklärung und Partykultur keine Gegensätze sein müssen. Das Jubiläum war nicht nur ein Rückblick auf 30 Jahre Vereinsgeschichte, sondern auch ein lebendiges Treffen einer Community, die Wissen, kritische Diskussion und musikalische Kultur miteinander verbindet.

Unabhängig – und auf Unterstützung angewiesen

Trotz seiner langjährigen Arbeit ist eve&rave Schweiz ein vergleichsweise kleiner Verein. Nach eigenen Angaben erhält er keine Steuergelder und wird von rund 20 ehrenamtlich tätigen Mitgliedern getragen.

Für die Fortführung seiner Arbeit ist der Verein deshalb auf neue Mitglieder und Spenden angewiesen. Zugleich fordert eve&rave, dass Drug Checking nicht nur in großen Städten, sondern überall zugänglich wird.

Diese Forderung verweist auf eine grundsätzliche Herausforderung: Wer Risiken wirksam reduzieren will, muss Menschen erreichen können, bevor gesundheitliche Probleme entstehen oder sich verschärfen. Dafür braucht es verlässliche Informationen, niedrigschwellige Angebote und Strukturen, die auch jenseits großer urbaner Zentren funktionieren.

Drei Jahrzehnte nach der Gründung steht eve&rave für einen Ansatz, der Aufklärung an die Stelle von Unwissenheit setzen will. Das Forum, die Arbeit beim Drug Checking, die Psycare-Angebote und die Zusammenarbeit mit der Forschung verfolgen dabei ein gemeinsames Ziel: Menschen sollen informierte Entscheidungen treffen können und bei gesundheitlichen Risiken nicht allein bleiben.

Vielleicht liegt darin eine der wichtigsten Leistungen von eve&rave: Das Wissen der Menschen aus der Konsumpraxis wird nicht als Gegenpol zur Wissenschaft betrachtet, sondern als möglicher Ausgangspunkt für neue Erkenntnisse.

Der 30. Geburtstag ist deshalb mehr als ein Rückblick auf die Geschichte eines Vereins. Er erinnert daran, dass Schadensminderung aus konkretem Engagement entstehen kann – und dass sachliche Informationen, persönliche Erfahrungen und gesellschaftlicher Austausch auch in Zukunft gebraucht werden.

Autor: Uli Mühlan

Der Beitrag „Wer konsumiert, muss wissen, was er nimmt“ – Das größte deutschsprachige Drogenforum wird 30 ist auf FAZEmag erschienen.

320 FM / EDITORIAL

MORE STORIES

More recent stories from electronic music.

ALL STORIES
Electronic Groove

Carl Cox launches signature sunglasses with I Wear Legend

The collaboration incorporates a frequency-wave detail into the frames. Photo credit: Carl Cox – Official Carl Cox has introduced his first signature sunglasses in collaboration with eyewear brand I Wear Legend, bringing one of his most recognizable personal accessories into a new product partnership. The announcement was shared through the DJ’s official social media account,…

READ STORY
320.FM
Electronic Groove

‘Electric Hills’ documentary explores Italy’s electronic music roots

The film traces the Marche region’s synthesizer legacy and is seeking funding to complete post-production. Photo credit: Electric Hills – Official The Museo del Synth Marchigiano and The Blink Fish have launched a crowdfunding campaign to complete ‘Electric Hills’, a documentary examining the history of electronic instrument manufacturing in Italy’s Marche region and its influence…

READ STORY
FAZEmag
Original in German

Saisonende? Amnesia feiert 50. Geburtstag mit World Tour

Das Amnesia Ibiza nimmt sein 50-jähriges Bestehen zum Anlass für eine Welttournee. „Seit fünf Jahrzehnten bringt der Dancefloor des Amnesia Menschen aus aller Welt zusammen. Ibizas Tempel der Clubkultur ist seit Generationen die Heimat von Clubbern, die neue Sounds entdeckt, Momente der Freiheit erlebt und diese Energie mit in ihre Heimatländer genommen haben“, heißt es [...]

READ STORY